43. Rennsteiglauf – Supermarathon – Ein unbezahlbares Erlebnis

By | 11. Mai 2015

Es ist geschafft! Am 09. Mai erfüllte ich mir einen Traum und lief 72,7 Kilometer von Eisenach nach Schmiedefeld – doch der Reihe nach.

Wie es dazu kam, habe ich ja in meinem Vorbericht geschildert. Dennoch blieben bis zuletzt Fragezeichen. Schon im Vorfeld war in meiner Twitter Timeline die Hölle los. Auch der Rennsteiglauf sollte wieder einmal ein riesiges Treffen des #twitterlauftreff werden.

Die Anreise war trotz Bahnstreik völlig entspannt und dank der Cantus Bahn kamen wir nur 40 Minuten später als ursprünglich geplant in Eisenach an. Ich reiste mit meinem Kollegen Tom an, der sich auch angeboten hatte, die ersten Kilometer mit mir zu laufen. Kaum angekommen gingen wir ins Hotel, holten unsere Startnummer ab und nach kurzem Zwischenstopp in einem Kaffee ging es auf zur Klossparty.

Eigentlich hatte ich geplant, nur zwei Klöße zu essen, da ich mit Gulasch-Sauce und Rotkraut erfahrungsgemäß zu kämpfen habe. Ehe ich mich aber versah, lag eine Riesenportion von allem auf dem Teller und ich lief auf dem Weg durchs Festzelt erstmal mit tropfendem Teller dem @GUracell über den Weg (nichts geht über einen guten ersten Eindruck).

Tom teilte sich sein Zimmer mit Achim, den er ursprünglich beim Marathon des Sables kennenlernte und mit dem er mittlerweile mehrere Ultras erfolgreich gemeistert hat. Die Geschichten der beiden sorgten allerdings nicht dafür, dass sich meine Nervosität reduzierte. Die zum Teil nicht kloßkompatiblen Geschichten sorgten dafür, dass ich in der Nacht kaum schlief. Vielleicht lag es aber auch an meiner obligatorischen Pizza, die ich noch unbedingt zu mir nehmen musste. Nachdem ich kurz die Österreichfraktion des #twitterlauftreff begrüßt hatte, ging ich getreu dem Motto „keine Competition ohne Pizza“ noch alleine eine Funghi-Prosciutto essen. Dazu gab es ein alkoholfreies Weissbier. Nach einer dreiviertel Pizza war allerding Schluß.

Tom, Achim und der Debütant vor dem Start

Tom, Achim und der Debütant vor dem Start

Morgens um 3.30 Uhr klingelte endlich mein Wecker und ich bereitete mir mein Honigbrötchen, meine Bananen, einen doppelten Espresso und O-Saft. Nachdem ich viermal(!) das erledigen konnte, was ein Läufer stets besser vor dem Lauf erledigt, zog ich meine Laufsachen an und ging auf den Marktplatz. Da traf ich kurz noch Patrick und Romy aus München, die schon in Hamburg bei der Pastaparty des #twitterlauftreff waren. Wie verabredet fand ich dann Tom und Achim.

Um 6.00 Uhr ging es mit über 2.000 anderen Läufern auf den Weg nach Schmiedefeld. Zunächst nur gehend, führte die Strecke kurz aus dem Stadtzentrum herraus ehe dann der 25 km lange Anstieg zum Inselberg begann, der ersten circa 900m hohen Erhebung. Ich wich Tom nicht von der Seite und passte mich seinem Tempo an. Ich hatte die ersten 30km extrem mit dem Rotkraut zu kämpfen. Aber das ging unüberhörbar nicht nur mir sondern auch noch anderen Mitstreitern so.

Ich genoss die ersten Kilometer und machte eine völlig neue „Lauferfahrung“. Selten bin ich so entspannt gelaufen und konnte so viel von meiner Umgebung aufnehmen. Alleine wäre ich definitiv schneller und vermutlich auch zu schnell angelaufen. Ich hatte aber nur ein Ziel: Mit einem Lächeln das Ziel in Schmiedefeld erreichen.

Bei Kilometer 25 erreichte ich mit Tom den Inselberg. Der Anstieg war zäh, aber der dann kommende steile Abstieg ging deutlich stärker in die Oberschenkel:

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An den Verpflegungsstationen hielt ich mich streng mit meinem Rotkrautdarm an Bananen und Wasser und reicherte jede Stunde eine Portion Wasser mit 1g Salz aus einem amerikanischen Feinschmeckerrestaurant an. Die Vita Cola war zwar verlockend aber ich nahm mir vor, dieser frühesten in Oberhof das erste Mal zu fröhnen.

Bei Kilometer 30 gab Tom mir ein Zeichen, dass er sich etwas rausnehmen wollte und ich lief von da an alleine weiter. Es gelang mir jedoch, den von Tom eingeschlagenen Rhythmus im weiteren Verlauf fortzusetzen. Zudem nahm ich unterstützend meine Pulsuhr zur Hilfe. Immer wenn ich deutlich über 160bpm kam, fing ich das Gehen an.

Ich konnte das Tempo nun insbesondere bergab deutlich anziehen. Bei Kilometer 50 lief ich an Patrick vorbei und ermunterte ihn mitzulaufen. Aber Patrick mußte sich an der Stelle erst einmal sammeln. Endlich erreichte ich dann die Sportstätten in Oberhof. Hier bestand theoretisch die Möglichkeit auszusteigen, aber 18km vor dem Ziel kam das überhaupt nicht in Frage. Ich fühlte mich fit und nur bergab brannten die Oberschenkel etwas.

Von Oberhof an ernährte ich mich ausschließlich mit einem Cola/Wasser Mix und ab Kilometer 60 gab es jeden Kilometer zur Belohnung einen Cola Energy Chip. Zwischen Kilometer 60 und 70 konnte ich zum Teil eine Pace zwischen 04:20 und 04:40 laufen. Ich war im Flow. Nur noch den Beerberg (dem höchsten Punkt) rauf und danach ging es bergab ins schönste Ziel der Welt!

Das Runners High ist bei 64 km deutlich zu sehen

Die letzten Kilometer flogen nur so dahin und ich überholte noch Hugo vom #twitterlauftreff und schon war ich unter der Anfeuerung der Walker und Zuschauer im Ziel in Schmiedefeld. Ein herrliches Erlebnis. Kurz vorher zog Hugo allerdings noch einmal unüberhörbar an mir vorbei.

Ich erreichte das Ziel in 07:26:09 als 279 – die zweite Hälfte 16 Minuten schneller als die erste. Der erste Ultra war perfekt gelaufen. Ich hatte das Ziel in einem super Zustand erreicht. Einen großen Anteil daran hat Tom, der circa eine Stunde nach mir das Ziel erreichte. Achim hatte leider gleich zu Beginn mit Krämpfen zu kämpfen, erreichte aber auch heil das Ziel. Abends saßen wir dann noch bei Schnitzel und Bier zusammen und ließen den Tag ausklingen.

Trotz der Anstrengungen schlief ich im Bad der Endorphine nur sehr schlecht. Der Rennsteiglauf ist ein perfekt und mit viel Liebe organisierter Lauf, bei dem der Kommerz trotz der Größe in den Hintergrund tritt. Für mich war es eine tolle Veranstaltung bei der ich endlich mal wieder das „Runner`s High“ spürte! Toll war auch das Treffen von Teilen der Twitter Timeline.

Bleibt noch die Frage wie ich meinen Gründen für und wider dieses Projektes begegnen konnte:

  • … nie mehr als 42,195 km gelaufen – kein Hinderungsgrund – irgendwann ist immer das erste Mal
  • … nie länger als 4:07h Minuten am Stück gelaufen – irgendwann ist immer das erste Mal
  • … wöchentliches Pensum beträgt im Schnitt ca. 72km – mein Pensum betrug sogar nur 67km. Es reicht, aber die Muskulatur macht sich ein paar Tage danach bemerkbar.
  • … mit einem BMI von ca. 23 immer noch recht kräftig – da schieben sich andere Bären den Berg hoch!
  • … Muskeln und Gelenke … nicht … unempfindlich – bisher ausser Muskelkater keine Schäden spürbar
  • …“Kiel sieht Roth”-Triathlon-Staffel sorgen sich – bisher ausser Muskelkater keine Schäden spürbar
  • … höchste Erhebung in Kiel sind die Holtenauer Hochbrücke und die Levensauer Hochbrücke – dank Tom habe ich gelernt, wann Gehen effizienter als Laufen ist
  • … immer gehasst Berge hoch zu laufen – ich liebe es jetzt (fast) – aber bergab fürchte ich mittlerweile deutlich mehr!
  • … fällt mir unendlich schwer, langsam zu laufen – hat sich von alleine erledigt
  • … nehme ausschließlich Wasser und auf den letzten Kilometern vielleicht einmal Cola zu mir. Das wird für 72km nicht reichen – doch mit ein paar Bananen reicht das auch für 72km!
  • …Gedanke an durch Freudentränen verschwommene Zielbanner in Schmiedefeld, wiegt mehr als alle Gründe dagegen – ich hatte keine Tränen in Schmiedefeld in den Augen. Ich hatte seit Oberhof konstant einen Kloß im Hals, der mir zum Teil die Luft zum Atmen nahm. UNBESCHREIBLICH!

In diesem Sinne – Schmerz geht – Stolz bleibt,

Euer James!

Nachtrag:

Mittlerweile wurden eine ganz Reihe von Beiträgen verfasst. Wer das Abenteuer Supermarathon einmal selbst in Angriff nehmen möchte, der findet hier einen Vorgeschmack:

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  1. Pingback: Nicht wandern – renn’ den Steig! | GUracell

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